Warum ich die Stopp Corona App installiert habe ... und ihr das auch solltet!

Leben
von Gerhard Petermeir
Veröffentlicht am: 14.05.2020 17:31, zuletzt aktualisiert am: 15.05.2020 09:46

Warum ich die Stopp Corona App installiert habe ... und ihr das auch solltet!

… Und warum es wahrscheinlich trotzdem nichts bringen wird.

Die Möglichkeiten gegen das Coronavirus vorzugehen scheinen ja beschränkt. Der Lockdown hat in Österreich sicherlich Schlimmeres verhindert, gleichzeitig hat möglicherweise auch das schöne Wetter und der Aufenthalt im Freien zur geringeren Verbreitung beigetragen.

Ein weiterer Teil der Erklärung könnte sein, dass man in wärmeren Jahreszeiten allgemein weniger anfällig für Infektionskrankheiten ist. Bei -5°C verkühlt man sich doch schneller als bei angenehmen 15°C in der Nacht. Da kann man auch mal kurz mit dem kurzen Leiberl rausgehen.

Sollte das allerdings stimmen, haben wir spätestens im Winter ein gewaltiges Problem. Denn dann ist es vorbei mit desinfizierenden UV-Strahlen der Sonne, dem Aufenthalt im Freien und den warmen Temperaturen. Im Gegenteil, dann treffen wir uns wieder dicht gedrängt in unseren Wohnungen. Und wer jetzt eins und eins zusammenzählen kann, wird wohl mit einer zweiten Welle rechnen.

Für ein behördliches Tracking und entsprechende Ausrottung des Virus ist es zu spät. Infektionsherde können ohne (technische) Unterstützung nicht schnell genug erkannt werden. An der Herdenimmunitäts-Theorie gibt es durchaus Zweifel. Vor allem bedeutet das im besten Fall, dass wir dauerhaft eine neue Krankheit, wie die Grippe, im Umlauf haben. Mit einer entsprechenden Anzahl von Toten („the estimated number of people who could potentially die from COVID-19, whilst the population reaches the Pcrit herd immunity level, may be difficult to accept“).

Auch die Impfung ist in weiter Ferne und nicht gegen jede Krankheit kann geimpft werden. Zudem gibt es viele Impfskeptiker; großteils übertrieben, teilweise allerdings gerechtfertigt.

Was übrig bleibt, ist etwas, das noch nie da gewesen ist. Mit technischen Mitteln könnten wir den Virus ausrotten. Oder zumindest sehr sehr stark eindämmen. Schätzungen zufolge genügt es schon, wenn 60% der Bevölkerung eine Corona App installiert haben. So ließen sich Infektionsherde erkennen und isolieren. Anstatt ganze Länder in den Zwangsurlaub zu schicken, würden nur einzelne Gruppen von Personen in den Lockdown gesendet. Die Tatsache, dass nahezu jeder ein Smartphone besitzt, hilft dabei gewaltig.

Doch warum brauchen wir überhaupt die App?

Ja, wir haben jedes Jahr eine Grippewelle, ja diese tötet jedes Jahr viele Personen. Und dennoch sehen die Grippe Kurven selten exponentiell aus. Als ich es gehört habe, habe ich es selber nicht geglaubt, aber die Grippe legt dich innerhalb eines Tages, teilweise innerhalb von Stunden nieder. Während man tagelang COVID-19 verbreiten kann, ohne es zu merken, ist man spätestens nach einem Tag nach der Influenza Infektion durchschnittlich so angeschlagen, dass man im Bett bleibt. Und im Bett kann ich deutlich weniger Leute anstecken, als in der U-Bahn.

Mit Hilfe einer App könnten im Erkrankungsfall allerdings all jene, die mit mir Kontakt hatten, eine Info erhalten. Nehmen Sie diese Info auch ernst und isolieren sich selbst, dann würde die Verbreitung zumindest stark eingeschränkt. Bleiben all diese Personen, die eine Info erhalten haben, zu Hause, können sie nicht mehr als stille Überträger fungieren. Das exponentielle Wachstum wird gebremst.

Aber was ist mit der Überwachung?

Soweit es die Stopp Corona App betrifft, ist diese Open-Source und anonym. Gerade an Apps im Gesundheitssystem werden sehr hohe Datenschutz Kriterien gestellt. Und schlussendlich ist es eine Frage der Risikoabwägung. Während sich die App nach einigen Jahren, zur Not auch durch zivilen Ungehorsam, wieder deinstallieren lässt, sind die wirtschaftlichen Schäden von Pleiten und Privatkonkurs deutlich schlimmer und langwieriger - um von den Toten gar nicht zu reden.

Natürlich wünsche ich mir eine starke Opposition, die ganz genau die Apps überprüft. Ich wünsche mir Anwälte, die beim geringsten Verdacht klagen, ich wünsche mir, dass Datenschützer wesentlich genauer aufpassen als üblich.

Dennoch habe ich die App installiert

Jetzt möchte ich allerdings mit gutem Beispiel vorangehen. Die App ist für mich das kleinere Übel. Ich habe die Wahl zwischen Pest und Cholera. Es stimmt nicht ganz, wenn wir es geschickt machen, haben wir die Wahl zwischen einem Männerschnupfen und Cholera. Auch wenn er schmerzhaft ist, ich wähle lieber den Männerschnupfen.

Wenn wir in Europa eine kritische Menge an App Installationen schaffen würden, könnten wir den Virus perfekt tracen und die wirtschaftlichen und persönlichen Auswirkungen minimieren. Es ist gigantisch, welche Möglichkeiten uns die moderne Technik bietet. Es wäre schade und unverantwortlich, diese nicht zu nutzen.

Die Probleme mit der Corona App

Neben Datenschutz und Überwachungs-Bedenken gibt es auch noch einige technische Probleme mit der App. Diese sind allerdings zu beheben. So ist die App noch nicht wahnsinnig intuitiv. Nach dem Flugmodus, den ich z.B. jede Nacht aktiviere, muss man den automatischen Handshake wieder manuell aktivieren. Das gehört behoben.

Auch die internationale Zusammenarbeit könnte besser sein. Lt. Rotkreuz FAQ funktioniert die App nur in Österreich. Wie weit die Google/Apple API im Hintergrund hilft, konnte ich nicht voll herausfinden, es fehlt allerdings definitiv an einem europäischen oder gar internationalen Masterplan.

Soweit ich es richtig verstanden habe, liegt es auch in der Verantwortung des Einzelnen, eine Erkrankung zu melden. Man muss also beim krank werden daran denken, die Eingabe in der App zu tätigen. Auch dieser Übertragung von Verantwortung an die Nutzer ist problematisch. Nur zu leicht vergisst man so etwas.

Und zu guter Letzt bleibt das Problem, dass so gut wie niemand die App benutzt. Ich habe sie nun seit ca 2 Wochen installiert und konnte bisher einen einzigen Handshake sammeln - meine Lebensgefährtin im eigenen Haushalt.

Wird es funktionieren?

Es wird die traurige Wahrheit sein, aber jeder, der in einem Jahr schmerzlich über seinen eigenen Konkurs, seine eigene Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Sorgen jammert, wird zum Teil auch selbst schuld daran sein. Eine kleine App auf dem Handy hätte wahrscheinlich genügt. Wir haben die technischen Mittel, wir haben die technische Ausstattung in jeder Hosentasche. Der Reiz der Verschwörungstheorie, der Besserwisserei und des Dagegen-Seins sind allerdings höher. Die App wird uns nicht retten, trotzdem bitte ich euch, installiert sie.



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